Gibt es für Studierende bald keinen Onlinezugang zu Skripten mehr?

Gibt es für Studierende bald keinen Onlinezugang zu Skripten mehr?

Ich bin gestern auf einen Artikel von ze.tt (gehört zur Zeit) aufmerksam geworden, in dem über ein ab dem 1.1.2016 in Kraft tretendes Gesetz über die Veröffentlichung von urheberrechtlich geschütztem Material für Hochschulen, Schulen und Unis berichtet wurde. Ich habe mich darauf hin mal ein bisschen damit beschäftigt und bin offen gesagt einfach erschüttert. Ich möchte Euch in diesem Artikel mal darüber informieren.


Das betreffende Gesetzt ist der § 52a UrhG. Er regelt, dass „veröffentlichte kleine Teile eines Werkes, Werke geringen Umfangs sowie einzelne Beiträge aus Zeitungen oder Zeitschriften zur Veranschaulichung im Unterricht an Schulen, Hochschulen, nichtgewerblichen Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung sowie an Einrichtungen der Berufsbildung ausschließlich für den bestimmt abgegrenzten Kreis von Unterrichtsteilnehmern“ online zur Verfügung gestellt werden dürfen, „soweit dies zu dem jeweiligen Zweck geboten und zur Verfolgung nicht kommerzieller Zwecke gerechtfertigt ist.“

Das heißt also, dass Professoren und Lehrer bei dem Erstellen von eigenen Lehrskripten für ihren Zwecke Inhalte kopieren dürfen. Diese kopierten Inhalte dürfen dann den Studierenden und Schülern zugänglich gemacht werden. Meistens funktioniert das in Universitäten und Hochschulen über einen passwortgesicherten Zugang auf Vorlesungsserver oder über Ilias, Lea, oder welche Namen diese Seite sonst noch trägt.

Es ist weiterhin in § 52a geregelt, dass ein Geldbetrag gezahlt werden muss, wenn der oben erwähnte Sachverhalt zutrifft. Zur Zeit schließt die Bildungseinrichtung einen Gesamtvertrag mit der VG Wort beispielsweise ab, der einen Pauschalbetrag festsetzt. Die VG Wort (Verwaltungsgesellschaft Wort) ist in diesem Fall der Vertreter der urheberrechtlich geschützten Materialien und Vertragspartner der Bildungseinrichtungen.

So weit, so gut. Es werden Skripte und andere Inhalte den Studierenden und Schülern zur Verfügung gestellt und das ganze ist zum Urheberschutz vertraglich mit einer Verwaltungsgesellschaft geregelt.

Doch die VG Wort hat gegen dieses Modell vor dem Bundesgericht erfolgreich geklagt! Das Urteil wurde am 20.3.2015 gesprochen und es besagt, dass es ein vertretbarer Aufwand ist jedes einzelne übernommene Werk in Lehrunterlagen über eine Eingabemaske der VG Wort mitzuteilen. Das bedeutet auch, dass eine Abrechnung nicht mehr über einen Pauschalbetrag erfolgt, sondern jede einzelne Quelle pro Studierendem/Schüler bezahlt werden muss.

Und das war der Punkt, an dem meine Empörung überhand nahm. Was ist denn die Folge, wenn dieses Gesetzt nächstes Jahr in Kraft tritt?

Es wird sicher einen Teil von Lehrenden geben, die engagiert sind und ihrem Lehrkreis gerne weiterhin die Unterlagen online zur Verfügung stellen wollen. Diese müssten dann ihre gesamten Unterlagen durchgehen und jede zitierte Quelle einzeln eingeben.
Eine weitere Option ist, dass in der Onlineversion für Schüler/Studenten die urheberrechtlich geschützten Inhalte nicht mehr enthalten sind, sondern nur ein Verweis auf diesen Inhalt vorhanden ist. Ich frage mich auf wie vielen Seiten dann von einem 150 Seiten langen Skript noch wirklich Inhalt wäre und auf wie vielen einfach nur Verweise auf Bücher aufgeführt wären.

Die letzte und die für Professoren und Lehrer einfachste Möglichkeit ist es aber die Unterlagen gar nicht mehr mit den Kursteilnehmen zu teilen. Das Gesetzt bezieht sich ja nur auf das Teilen von Inhalten und nicht auf die reine Verwendung. Also verwenden sicherlich einige Professoren und Lehrer ihre Skripte und Materialien einfach weiter und stellen sie den Studierenden und Schülern einfach gar nicht mehr zur Verfügung.

Ich finde das ist wirklich eine Unverschämtheit. Wollte die Bundesregierung nicht mehr für die Bildung machen? Dann ist es natürlich sehr hilfreich den Zugang zu Bildung für Studierende und Schüler so in Gefahr zu bringen.
In der Industrie und der Gesellschaft allgemein wird zudem immer von der Entwicklung zu einer „digitalen Gesellschaft“ gesprochen und auf der anderen Seite wird das Teilen und Vernetzen von Onlineinhalten so erschwert.

Ich bin der Meinung, dass man das nicht so einfach hinnehmen kann und hoffe mit diesem Beitrag viele Leute erst einmal über das Thema zu informieren. Der 1.1.2016 ist ja nicht mehr allzu weit entfernt und ich wünsche mir, dass das Thema viel mehr gehört wird.

Weitere Informationen findet Ihr in dieser Studie in der beschrieben wird, wie die Universität Osnabrück das neue Modell schon einmal getestet hat.

[Update]

Ich habe die VG Wort inzwischen um eine Stellungnahme gebeten und möchte diese natürlich nicht vorenthalten:

„Sehr geehrter Herr Steinert,

 

vielen Dank für Ihre Email und Ihr Interesse an der VG WORT.

 

Das Thema § 52a UrhG ist – wie Sie möglicherweise bereits gemerkt haben – nicht ganz unproblematisch. Allgemein geht es in diesem Bereich darum, eine gerechte Balance zu finden zwischen dem Wunsch von Hochschullehrern und Studierenden nach optimalem Zugang zu Lehrmaterialien und anderseits dem berechtigten Interesse von Autoren und Verlagen, dass derartige Nutzungen auch vergütet werden. Denn ohne eine ausreichende Bezahlung würde es sich für Verlage zukünftig nicht mehr lohnen, Lehrbücher und ähnliche Werke für Studierende zu produzieren, was nicht zuletzt auch zum Nachteil von Forschung und Lehre wäre.

 

Dies vorausgeschickt, geht es derzeit nun ganz konkret darum, eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 2013 umzusetzen (http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&sid=71393be5339036f7cd0b755d870a6567&nr=65649&pos=7&anz=39). In dieser Entscheidung hatte der BGH u.a. auch entschieden, dass Hochschulen, die Intranetnutzungen gem. § 52a UrhG vornehmen, hierbei konkret erfassen und melden müssen, welche Texte im Einzelnen genutzt werden (s. Randnummern 73ff der Entscheidung). Eine solche konkrete Erfassung und Meldung ist nicht zuletzt deshalb unerlässlich, damit die VG WORT anschließend die hierfür von den Hochschulen zu zahlenden Vergütungen auch den „richtigen“ Rechteinhabern zukommen lassen kann – nämlich denjenigen Autoren und Verlagen, deren Werke auch tatsächlich genutzt werden.

 

Um die Einführung des für diese Abrechnung nötigen Meldeportals vorzubereiten, hat die VG WORT zwischenzeitlich gemeinsam mit der Universität Osnabrück das von Ihnen bereits erwähnte Pilotprojekt durchgeführt. Eine Stellungnahme zu den Ergebnissen dieses Pilotprojekts findet sich auch auf unserer Homepage: http://www.vgwort.de/fileadmin/pdf/pressemitteilungen/26_6_2015_Presseinformation___52a.pdf.

 

Aktuell arbeitet die VG WORT nunmehr gemeinsam mit Vertretern der Bundesländer als Trägern der Hochschulen an weiteren Optimierungen des Meldeportals mit dem Ziel, den Hochschulen die Durchführung der gesetzlich vorgeschriebenen Meldungen so weit als möglich zu erleichtern. Mit einer Einführung des optimierten Meldeverfahrens zum 1. Januar 2016 kann allerdings nicht mehr gerechnet werden.

 

Wir hoffen, Ihnen mit diesen Erläuterungen weiter geholfen zu haben und regen an, sich wegen dieses Themas ggf. auch an die Kommission Bibliothekstantieme der Kultusministerkonferenz (KMK) zu wenden.“

Das heißt also, dass die Informationen aus meinem Artikel durchaus zutreffen und es ab dem 01.01.2016 noch so sein wird, dass jede Quelle einzeln über die Eingabemaske angegeben werden muss. Für die Einführung des optimierten Meldeportals wurde mir kein Einführungstermin genannt.

Bei dem Argument, dass die gezahlte Vergütung nun direkt an die richtigen Autoren weitergeleitet werden kann, frage ich mich, wie die Vergütung verteilt wurde, als die Verträge noch pauschal abgeschlossen wurden. Es wurde ja sicherlich nicht auf jeden Autoren, den die VG Wort vertritt gleichermaßen aufgeteilt.

[/Update]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s